SAGENUMWOGEN – DER PUNTUKAS UND DIE STELMUŽĖ-EICHE
 
Das litauische Volk liebt und pflegt seine Volkssagen. Den kleinen Kindern werden Märchen und Überlieferungen erzählt, Wiegenlieder gesungen und man lehrt sie die alten, volkstümlichen Tänze, damit die Traditionen nicht verloren gehen. Jeder Litauer kennt zumindest einige Sprichwörter, Anekdoten oder Rätsel und kann die Volksfeste gemäß den alten Sitten feiern. So überrascht es nicht, dass auch die Sehenswürdigkeiten des Landes von unzähligen Legenden umwoben sind. Besonders der Puntukas und die Stelmužė-Eiche inspirieren das Volk seit alten Zeiten zum Ersinnen der erstaunlichsten Geschichten.
 
Die Stelmužė-Eiche hat bereits viel erlebt
 
Die älteste Eiche Europas soll sogar noch älter sein als der Name Litauens – nämlich 1.500 Jahre. Die gewaltige Stelmužė-Eiche und ihre Umgebung sind erfüllt von Vergangenheit: Legenden und Überlieferungen bezeugen, dass mit den Ästen dieses Baumes im litauischen Altertum das heilige Feuer entzündet wurde, um dem Gott Perkūnas zu opfern.
Die Eiche hätte sicher auch viel über Litauens Großfürsten zu erzählen, die während der Jagd hier manches Mal haltmachten. Auch bewaffnete Feindestruppen und Litauer im Kampf gegen Schwertkrieger zogen an dem Baum vorbei. In einer der Höhlungen der Eiche fand man die Gebeine und Waffen eines aus Russland entkommenen Krieger der napoleonischen Armee. Er soll sich dort ein Versteck eingerichtet haben.
Ältere Litauer munkeln von Schätzen unter den Wurzeln der Stelmužė-Eiche und sie glauben, dass man über ihre Höhle in die Unterwelt gelangen kann. Andere Überlieferungen berichten davon, wie die Spitze der Eiche verschwand, denn die Höhe des Baumes ist ebenso fantastisch wie seine Stärke: acht Männer braucht es mindestens, um den Baum zu umfassen. Und die Spitze soll einst dazu gedient haben, den ungeliebten Zaren aufzuhalten. Die Leibeigenen hatten sie abgesägt, um sie über den Weg zu legen und dem strengen Herrn die Durchfahrt zu versperren.
 
 
 
 
 
Der Puntukas – vom Teufel vergessen
 
Bei Anykščiai befindet sich der am häufigsten besuchte Stein des Landes, der Findling Puntukas. Es ist der zweitgrößte Stein Litauens und wiegt 265t. Nach Meinung von Archäologen ist er Überbleibsel skandinavischer Gletscher, die hier vor 14.000 bis 20.000 vorüberzogen. Eine der Legenden zum Stein besagt allerdings, dass nicht die Gletscher, sondern der Teufel persönlich den Stein hierhin beföderte, weil er mit dessen Hilfe die Kirche von Anykščiai zerstören wollte. Das Krähen eines Hahns allerdings hinderte ihn an der Ausführung seines Plans, er musste den Stein fallenlassen und so rollte dieser, „so groß wie ein Haus“, ins Heidekraut.
Anderen Überlieferungen zufolge wurde auf dem Stein ein furchtloser litauischer Heerführer, der Krieger Puntukas verbrannt, weil er versucht hatte, eine vaidilutė (Hüterin des heiligen Feuers) zu rauben.
Doch der Stein erinnert nicht nur an Legenden, sondern auch an „echte“ litauische Helden: die beiden Piloten Steponas Darius und Stasys Girėna, die bei ihrem Versuch, den Atlantik zu überqueren ums Leben gekommen waren und deren Reliefs nun den Stein zieren.
Doch das sind nur ganz wenige der vielen, vielen Legenden über Litauen und seine Sehenswürdigkeiten. Fragen Sie Ihren Führer oder einen litauischen Bekannten. Sie werden ihnen bestimmt die eine oder andere Überlieferung oder Anekdote zu erzählen haben, die es in Litauen zu beinahe jedem Ort gibt.