Ričardas Anusauskas

Beobachtung der Vögel

Wie oft folgen wir ihrem Beispiel! Wir machen uns auf in ferne Länder, fahren über die Meere, durchschreiten Wüsten, erreichen die höchsten Gipfel. Die Vögel müssen unglaubliche Wege hinter sich bringen, damit sie in Litauen nisten, ihre Kinder ausbrüten und sich nach etwas Erholung auf eine noch weitere Reise machen können. Litauen ist ein Land, an dem die Vögel vorbeiziehen: Hier verläuft der wohl größte Migrationsweg der Vögel in der westlichen Paläarktis. Von der westlichen Nordhalbkugel fliegen etwa 80 Prozent aller Zugvögel über unser Land nach Süden. Es gibt Tage, an denen man auf der Kurischen Nehrung den Kopf hebt und Tausende Scharen sehen kann: Die Ostküste der Ostsee und die Küste des Kurischen Haffs wird an den Migrationstagen im Herbst von Mitte September bis zur zweiten Oktoberwoche von Millionen Vögeln überflogen. Einige von ihnen machen kurz Rast in den natürlichen Wäldern, Sümpfen, auf den Wiesen und entlang unserer Flüsse sowie am Haff. Von Menschenhand unberührte Orte, die beeindruckende Natur und darin konzertierende seltene Vögel sind ein echter Schatz – nicht nur für Ornithologen, sondern auch für Menschen, die Vögel beobachten, fotografieren und ihre Stimmen sammeln.

Die große Fünfergespann der Vögel Litauens

Allein wegen dieser fünf Vögel lohnt sich ein Besuch in Litauen. Hier sieht man jene, die sich ganz und gar nicht mehr in den Westen verirren, auf unseren Wiesen und im Dickicht der Wälder ein Zuhause finden und Kinder ausbrüten. Litauen nimmt auch Neulinge gastfreundlich auf: Vor einigen Jahrzehnten siedelten auch die Zitronenstelze und der Buschrohrsänger aus dem Osten hierher über und begannen zu brüten. Die beiden kleinen Vögel interessieren die professionellen Vogelbeobachter ganz besonders. Die Zitronenstelze kann man bewundern, und dem Buschrohrsänger muss man zuhören. Die sich wiederholenden Pfeiftöne, werden mit Nebengeräuschen variiert. Das Beobachten von Vögeln ist eine aufregende Freizeitbeschäftigung. Sie können höhen und sehen, was selten jemand zu Gesicht bekommt.

Memeldelta

Es ist ein Wasser- und Vogelparadies, das baltische Ruhe ausstrahlt. So äußern sich die Vogelbeobachter über das Memeldelta. Die Ruhe der unberührten Natur, der in den Morgenstunden aufsteigende Nebel, die überfluteten Wiesen, hochgewachsenes Gras und Sträucher – all dies sind hervorragende Verstecke für seltene Vogelarten, die hier nach Beginn des Hochwassers auftauchen und weiterreisen, wenn das Wasser langsam gefriert. Ihre Verstecke haben hier die weltweit vom Aussterben bedrohten Schelladler, Doppelschnepfen, Uferschnepfen, Großen Brachvögel und Seggenrohrsänger gefunden. Hierher kommen Gänse, Schwäne, Enten, Wasserläufer, und auch Tausende Sperlings- und Raubvögel überfliegen dieses Gebiet.
Im Memeldelta und seiner Umgebung werden mehr als 300 Vogelarten gezählt, und bei Ventės ragas (ehem. Windenburger Eck) gibt es seit 1929 eine der weltweit ersten Beringstationen für Vögel. Dort befindet sich der größte Vogelfänger der Welt.
Die Vögel im Memeldelta und auf den Wiesen des Kurischen Haffs lassen sich am besten im Frühjahr und Herbst beobachten. Im Frühjahr wird im Memeldelta-Regionalpark sogar ein Willkommensfest für die Vögel mit dem Namen „Die Vögel kehren zurück“ veranstaltet. 

 

Žuvintas

Žuvintas, das unweit von Marijampolė befindliche einzigartige Fleckchen Natur, das häufig als See der Vögel bezeichnet wird, ist nicht nur das größte Versteck Litauens, sondern auch das älteste Naturschutzgebiet des Landes, das in das Netzwerk der UNESCO-Biosphärenreservate aufgenommen wurde. Der seichte, auf natürliche Weise verödende See und der um ihn herum befindliche Sumpf sind eine sichere Zuflucht für 14 seltene, unter Schutz stehende und hier brütende Vogelarten. Geduldige Beobachter können den besonders seltenen Seggenrohrsänger, die Rohr- und Wiesenweihe, den Wachtelkönig, das Tüpfelsumpfhuhn, das Birkhuhn, den Kranich, den Bruchwasserläufer, die Trauerseeschwalbe, den Weißrückenspecht und den Mittelspecht, die Blässgans und die Saatgans sowie die Rohrdommel zu sehen bekommen. Wer nicht so tief in den Sumpf hinein und seltene Vogelarten suchen möchte, der kann auf dem Lehrpfad entlanggehen oder sie von Aussichtstürmen neben dem See betrachten. Jedes Jahr im Herbst wird in Žuvintas das Geleit für die Zugvögel veranstaltet. 
Die besten Monate zum Beobachten der Vögel in der Gegend von Žuvintas sind März bis Oktober. 

 

Wälder des Nationalparks Dzūkija

In den grenzenlosen Wäldern der Dzūkija an einer Vielzahl von Seen und Flüssen spüren nicht nur die vom Lärm der Stadt müden Menschen sondern auch die Vögel die Ruhe. Höchstens die Pilz- und Beerensammler können die sich in Sträuchern, im hohen Gras und auf überfluteten Wiesen versteckten Vögel aufschrecken. Von April bis September kann man hier die im Tal des Merkys konzertierenden Wachtelkönige, die über den Fluss Ūla hinwegfliegenden Eisvögel, die an den Ufern stehenden Schwarzstörche und die neugierigen Gänsesäger sehen. In den altertümlichen Dörfern der Dzūken wurde der Wiedehopf noch nicht verscheucht, und die Bewohner besangen sie in Liedern. Und im Bruchwald von Čepkeliai tanzen Auer- und Birkhühner ihren Hochzeitstanz. Wer sin der Dzūkija Vögel beobachten möchte, schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie werden seltene Vögel sehen und sich mit dem einzigartigen Kulturerbe dieser Region vertraut machen.