aut. Asta Vilminskaitė / A. Aleksandravičiaus nuotr.

Straßenkunst

Es ist schwer, das Konzept der Straßenkunst zu definieren – so divers ist sie. Die Künstler reagieren auf die moderne Welt, übertragen ihre Ideen über öffentliche Räume, experimentieren, veranstalten Performances, Provokationen, Manifeste und verändern natürlich das Gesicht der Städte. Die sozial aktive Straßenkunst ist in Litauen vor relativ kurzer Zeit entstanden – in der Mitte des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts. Vielleicht erstaunen uns deshalb die beeindruckenden Werke auf den Straßen noch immer. Besonders jene, die nach der Nacht bei ungewöhnlichen Festivals wie „Vilnius Street Art“, „Nykoka“ in Kaunas, „Edit Klaipėda“ und „Malonny“ in Marijampolė entstehen. Möchten Sie vielleicht alle Werke der Straßenkunst zählen? Schnappen Sie sich einen Plan und auf geht‘s.

Hofgalerie

Wo sonst findet man eine Hofgalerie, wenn nicht auf einem Hof. Vytenis Jakas, der Künstler, der die Galerie gegründet hat, löst auf diese Weise das Problem der Verfremdung unter Menschen und Nachbarn. Anscheinend gelingt es ihm: Die Galerie wurde zu einem beliebten Treffpunkt für Nachbarn, Künstler, Stadtbewohner und Touristen. Wenn sich viele Menschen auf dem Hof versammeln, entstehen zweifellos neue Ideen, und die Zeichnungen auf den Wänden aus dem 19. Jahrhundert erzählen immer neue Stadtgeschichten. Einige von ihnen sind unglaublich traurig, erinnern an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust.

„Meister“ („Der alte Weise“)

Einer der Begründer der Bewegung „Fluxus“, der weltberühmte Künstler Jurgis Mačiūnas, wurde in Kaunas geboren. Zu seinen Ehren haben das „Fluxus“-Ministerium und die Künstler Tadas Šimkus und Žygimantas Amelynas an der Wand der ehemaligen Schuhfabrik das einzigartige, weltweit bekannte Kunstwerk „Der Meister“ („Der weise alte Mann“) hinterlassen.

Auf einer Wand mit einer Fläche von 440 Quadratmetern ist ein alter Mann mit Pfeife zu sehen. Wenn Sie genau hinsehen, dann erkennen Sie, dass er keine Schuhe trägt. Ist das nicht paradox? Ein alter Mann ohne Schuhe an der Wand einer ehemaligen Schuhfabrik.

„Der rosarote Elefant“

Nach dem Straßenkunstfestival „Nykoka“ ist in Kaunas ein rosafarbener Elefant gelandet. Er sitzt an einer Wand, heitert die vorbeigehenden Kinder auf und entlockt auch den Erwachsenen ein Lächeln. Was stellt das Werk des Künstlers Vytenis Jakas dar? Ist das nicht klar?.. Natürlich die rosafarbene Liebe!

Das Haus gegenüber der Markthalle

So hat der italienische Künstler Millo unsere Häuser gesehen. Man erzählt sich, dass ein Foto seiner Arbeit in Vilnius, das sich augenblicklich in den sozialen Netzwerken verbreitete, eine neue Schaffensperiode von Millo eingeläutet hat. Die riesige Häuserwand, die von weitem mit architektonischen Details und in das Spiel der gezeichneten Hauptfigur eintauchenden Fenstern leuchtet, hat quasi das Bahnhofsviertel erwärmt und es gemütlicher gemacht. 

Os Gemeos

Es ist fantastisch, dass man in Vilnius Werke weltberühmter Straßenkünstler finden kann. Dazu gehören auch die brasilianischen Brüder Os Gemeos, auf Deutsch – Zwillingsbrüder. Als ob das noch nicht genug wäre, so haben die durch die Welt reisenden jungen Männer auch noch litauische Wurzeln. Diese Wurzeln regten sie dazu an, ein Bild zu entwerfen, das ihrem Großvater und ihrer von litauischen Traditionen geprägten Kindheit gewidmet ist. Den litauischen Großvater platzierten die brasilianischen Künstler auf der Handfläche ihrer ständigen Hauptfigur.

Trump und Putin

Es verschlug der Welt den Atem, als sie es sah. In Vilnius unweit des Bahnhofs, erinnert ein Bild an ein historisches Foto, auf dem 1979 der Kuss des sowjetischen Staatschefs Leonid Breschnew und des Vorsitzenden des Staatsrats der DDR Erich Honecker abgebildet ist. Ein solches Graffiti konnte man einst an der Berliner Mauer sehen. In Vilnius wurden Breschnew und Honecker durch Putin und Trump ersetzt. Jetzt gehen alle auf die Suche nach ihnen, und verliebte Paare schicken ihre beeindruckenden Kussfotos nach Hause.

Wandmalereien „iUrvo sienos piešiniai“

Kaum zu glauben, aber unsere Kleinstadt Marijampol streckt die Hand nach New York aus. Der aus Litauen stammende Künstler Ray Moon Bartkus veranstaltet bereits mehrere Jahre in Folge in Marijampolė das Symposium „Malonny – Marijampolė, London, New York: Migration der Ideen“. Nach jedem Künstlertreffen erhält die Stadt Geschenke. Zum Beispiel die Wandmalerei „iUrvo sienos piešiniai“ des weltberühmten amerikanischen Künstlers Michael Kevin Eastbrook. Hören Sie, was er Ihnen sagen möchte? „Na, warum schaut ihr mich wieder auf dem Bildschirm an? Kommt lieber vorbei, fühlt es, erlebt es und hört es live!“

„Floating World“

Wenn er des Lärms von New York müde geworden ist, packt der Künstler Ray Moon Bartkus seinen Koffer und fliegt zu einem Hort der Ruhe – nach Marijampolė. Einem glücklichen Zufall ist es zu verdanken, dass diese Stadt der Ort wurde, wo der Künstler seine Kunstsymposien „Malonny“ abhält und Berühmtheiten aus aller Welt dazu einlädt. An diesen Tagen nimmt Ray Bartkus auch selbst Farben in die Hand. „Floating World“ ist eines seiner beeindruckenden Werke, das sich am besten… im Wasser betrachten lässt. Die Bewegung des Wassers verleiht dem Bild täglich neue Farben.

„Dadaistische Mona Lisa im 21. Jahrhundert“

Die auf der ganzen Welt verbreiteten Bilder der geheimnisvollen vom italienischen Maler Leonardo da Vinci gezeichneten Mona Lisa gelangen mitunter an völlig unerwartete Orte. Einer davon ist das Studentenstädtchen der Technologischen Universität Kaunas. Der Künstler Linas Kaziulionis K ART 7, der eine Interpretation des berühmten Werkes auf die Wand des Studentenwohnheims gebracht hat, gab der Mona Lisa neuen Sinn und etwas Modernes: 3D-Effekte und eine Installation aus LED-Leuchten. Die Beziehung zwischen Kunst und Wissenschaft festigen die daneben befindlichen mathematischen Formeln, und ein Detail, das wir nicht enthüllen werden, lädt immer wieder zur Rückkehr an diesen Ort ein. Wird es Ihnen gelingen, das Geheimnis des Lächelns der Mona Lisa aus Kaunas zu enträtseln?

„Das Mädchen“

„Sie schauen mich schon länger an, als meine Eltern dies jemals getan haben“ – mit dieser Überschrift empfängt das von den Zwillingsbrüdern Algirdas und Remigijus Gataveckas gemalte riesige Mädchen in Klaipėda seine Besucher. Sie ist so riesig, wie auch ihr Wunsch, nicht im Kinderheim zu leben, sondern in einer echten Familie. Die Hauptfigur des Bildes ist ein echtes Mädchen. Es wurde von den im Kinderheim aufgewachsenen Künstlern gemalt. Alle wissen also, wovon sie sprechen. Versuchen Sie es zu hören.

„Die brennende Rüstung“

„Die brennende Rüstung“ des virtuosen Straßenkünstlers Tadas Vincaitis aus Kaunas hat in Šiauliai augenblicklich die ganze Stimmung des Viertels verändert. Der blassen und sterilen Umgebung des Einkaufszentrums verlieh er das Strahlen einer Rüstung, das Funkeln der Sonne, Farben und die Kraft von der Schärfe eines Schwertes. Ein solches Werk appelliert direkt an die Geschichte der Schlacht von Schaulen.

Der Fuchs von Šiauliai

In diesem Werk treffen die Kräfte von Wind und Feuer aufeinander. Bei genauerem Hinsehen können Sie auch ein Spiegelbild des Menschen erkennen. Das Werk entstand beim Pleinair „Saulės pagrobimas“ (dt. „Raub der Sonne“). Seine Autoren sind Martynas Šnioka und Edvardas Šeputis. Dieser Fuchs unterhält sich quasi mit dem anderen Fuchs der Stadt – dem Fuchs aus Blech am Ufer des Sees Talkša, dessen Autor Vilius Puronas ist.