A. Aleksandravičius

Wo befindet sich Litauen?

Wenn Sie denken, dass sich Litauen irgendwo in Südamerika befindet, dann sollten Sie noch einmal überlegen. Wenn Sie unser Land auf der Balkan-Karte suchen, liegen Sie leider auch falsch. Wo liegt Litauen? In einem Lied singen wir: „Litauen liegt mitten in Europa“. Und so ist es nicht nur im Lied. Im Jahr 1989 stellten Forscher des französischen Institut national de l’information géographique et forestière fest, dass der geografische Mittelpunkt Europas in Litauen liegt. Es ist nur ein paar Stunden von anderen europäischen Hauptstädten entfernt, und deswegen ist es so einfach, und mit dem Bus, der Bahn oder dem Schiff zu erreichen. Willkommen in Litauen – einem Land Nordeuropas und im Herzen Europas.

Nordeuropa

Aus geografischer Sicht, und nach Ansichten der Vereinten Nationen, liegt Litauen in Nordeuropa. Im Jahre 1992, kurz nach der Wiederherstellung der litauischen Unabhängigkeit, wurde unser Land von den Vereinten Nationen in die Gruppe der „Nordischen Staaten“ aufgenommen. Der reiselustige Geograf Kazys Pakštas entwickelte diese Idee bereits vor dem Zweiten Weltkrieg, denn er wollte die sieben Ostseeländer Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Schweden, Norwegen und Dänemark in einer Union vereint sehen – die „Baltoskandische Konföderation“ – ein stabiler nordischen Block, der den Austausch einer gemeinsamen Kultur und Geschichte fördern sollte.

Ostsee

Uns verbindet viel mit der Ostsee. Als echte Balten können wir uns ein Leben ohne das Meer nicht vorstellen. Die raue See, die oft stürmisch und unberechenbar sein kann, prägte zeit unseres Lebens, die hiesigen Traditionen, Gebräuche und Eigentümlichkeiten. Oft werden die Küsten von den nordischen Wind durchwühlt, die Wellen können hoch und manchmal sogar gefährlich sein, doch mitunter erinnert die Ostsee auch an einen Ententeich. Vor allem der Sonnenuntergang ist einzigartig, denn durch die schimmernde Wasseroberfläche und das flache Land ergibt sich ein prächtiges Farbenspiel, das bereits viele Künstler inspiriert hat.

Vilnius ist unsere Hauptstadt

Von allen Sagen, in denen die Hauptstadt von Litauen, Vilnius, erwähnt wird, mögen wir am meisten die Geschichte, die von dem Traum des Großfürsten Gediminas erzählt, in dem er einen mit hunderten Stimmen heulenden eisernen Wolf gehört haben soll. Heute wird niemand herausfinden können, ob der Wolf tatsächlich im Traum des Großfürsten vorkam und ob sein Heulen ein Hinweis darauf war, die Stadt Vilnius zu gründen. Wir haben jedoch unwiderlegbare Beweise, dass Gediminas Kaufleute, Krieger, Handwerker und Geistliche von Europa nach Vilnius geholt hat. Unsere Nachbarn, die Letten, bewahrten einen auf Latein verfassten Brief des Großfürsten aus dem Jahr 1323 auf. Das ist die erste Quelle, in der der Name Vilnius Schwarz auf Weiß geschrieben wurde.

Die Zeit hat die Traditionen nicht verändert, und das prächtige, am Fluss Vilnia errichtete, mit weißen Kirchen, den roten Dächern der Häuser geschmückte und in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommene historische Zentrum von Vilnius hat sich wenig verändert.

Über Jahrhunderte hinweg begegneten wir in unserer Hauptstadt östlichen und westlichen Kulturen. Wir bewundern die historischen Stadtgebäude wegen ihrer verschiedenen Stile: Hier treffen sich Elemente der Gotik, des Klassizismus, der Renaissance und des Barocks. Die engen Gassen der Altstadt und die großen, hellen Plätze zeigen, dass Vilnius den Einfluss fremder Kulturen nicht verpasst hat. Im Gegenteil, die Stadt respektierte und bewunderte fremden Kulturen.

Heute ist unsere Hauptstadt eine moderne, zeitgenössische, aber auch eine gastfreundliche Stadt voller Kultur und Kreativität. Sie ist eine Stadt, in der Skulpturen ihre Sprache sprechen, wo Musik gespielt, gutes Essen gekocht wird und wo Abenteuer angeboten werden. In das Zentrum von Vilnius können Sie mit dem Boot ankommen, auf einer Wiese in der Stadt können Sie in einen Heißluftballon einsteigen und abheben, mitten in der Stadt, im Waldpark, können Sie Veilchen pflücken, oder Sie können die Sterne am selben Berg zählen, wo der eiserne Wolf geheult hat.

Unsere Nachbarn

„Der Nachbar ist einem näher als Verwandte“, so sagten unsere Vorfahren. Sie respektierten ihre Nachbarn, genauso, wie wir heute unsere eigenen Nachbarn respektieren, die an der Grenze zu Litauen leben. 1989 haben Litauer und Letten eine lebendige Kette von Litauen bis nach Estland gebaut, indem sie sich an den Händen gefasst und auf diese Weise ihren großen Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit für die ganze Welt zum Ausdruck gebracht haben. Im März 1990 wurde Litauen zu einem unabhängigen Staat erklärt, und wir sind wieder auf der Weltkarte aufgetaucht.

Die Geschichte unserer Nachbarn und unsere eigene Geschichte verbinden uns. Es bestehen gemeinsame Wege der Kultur und des Handels, die durch unsere Länder führen. Im 13. Jahrhundert gründeten wir zusammen mit unseren jetzigen Nachbarn – Polen, Belarus, Russland und einem Teil Lettlands – das Großfürstentum Litauen, den größten europäischen Staat. Wir hatten gemeinsame Fürsten, teilten die gleichen Künstler, Schriftsteller, Dichter und Architekten.

Mit unseren Nachbarn in Lettland entstammen wir demselben baltischen Stamm, unsere Sprachen sind ähnlich, die gleichen Akzente lassen sich in Stoffmustern, Musikinstrumenten und Tänzen finden.

In Litauen kann man oft reisende Letten, Esten, Russen, Weißrussen und Polen treffen. Wir sind dankbar für die Liebe und den Respekt, der unserem Land gezeigt wird. Es macht Spaß, wenn Nachbarn zu Nachbarn reisen, weil wir beide ohne Ende Geschichten erzählen können. Wenn wir einander Geschichten erzählen, berühren wir somit unsere Wurzeln und unsere gemeinsame Vergangenheit.

Globales Litauen

Die Wogen der Geschichte hatten ihre Höhen und Tiefen: Sie haben uns aus unseren Häusern verjagt, uns auf der ganzen Welt verstreut. Einige mussten vor dem Krieg fliehen und in Deutschland, dem Vereinigten Königreich, den Vereinigten Staaten von Amerika, Australien oder Kanada um Asyl ersuchen, manche erreichten sogar Südamerika. Es gab auch jene, die unfreiwillig das Land verlassen mussten. Die Sowjets haben Litauer in Zügen und Tierwaggons nach Sibirien verbannt. Nur eine Handvoll konnte den eisernen Vorhang durchbrechen und in die freie Welt entkommen.

Heute können wir uns frei in der Welt bewegen. Wir sind voller Entdeckerfreude, finden uns in den Labors der NASA, auf dem Parkett von Welttheatern und Musikbühnen sowie in Business-Wolkenkratzern wieder. Es wird geschätzt, dass etwa 1,3 Millionen Litauer außerhalb der litauischen Grenzen leben. Viele teilen ihre Wehmut in litauischen Gemeinden. Auf der ganzen Welt gibt es schätzungsweise 40 litauische Gemeinden. Sie fördern die litauische Sprache, Traditionen, nehmen an litauischen Sportwettbewerben, Liederfestivals und Tanzfestivals teil. Es ist nicht wichtig, wo sich die Litauer befinden, womit sie sich beschäftigen, wie Sie leben – ihre Wurzeln sind hier in Litauen. Deshalb freut es uns so sehr, einen Litauer irgendwo auf der weiten Welt anzutreffen und zu umarmen. Denn unser Litauen ist dort, wo wir uns getroffen haben.